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Interview mit Eva Bräutigam

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Menschen

Eva Bräutigam stemmt sich auf die Handhebel-Espressomaschine und strahlt mit der Sonne um die Wette, an diesem Frühsommertag in ihrem Geschäft in der Lagerstrasse 96. Dank vollem Körpereinsatz kredenzt die 31-Jährige wenig später einen feinen Espresso  – die guten Dinge sind bei ihr handgemacht. Durch die Fensterfront blicken wir auf Bauzäunen, Kräne und Bagger in Aktion: auf dem Baufeld H der Europaallee tut sich etwas.

Frau Bräutigam, wie arbeitet es sich neben einer solchen Riesenbaustelle?
Ich finde es inspirierend an einem Ort, wo gerade so viel Neues entsteht. Denn neue und schöne Dinge zu schaffen ist sozusagen auch mein tägliches Brot. So gesehen, passt unser Geschäft sehr gut hierher.

Sie zählen zu den letzten Feinmassschneidern der Schweiz. In einem beinahe ausgestorbenen Handwerk zu arbeiten muss sich sehr exklusiv anfühlen.
Oh ja, ziemlich exklusiv und lebendig (lacht). Mit meinen beiden Mitarbeitern habe ich das neue Geschäft in der Europaallee Anfang April bezogen und unser Business ist gut angelaufen. Die altenglische Verarbeitungstechnik „Bespoke“ auf die wir uns spezialisiert habe, wird heute vor allem noch von den Herrenschneidern in der Londoner Savile Row gepflegt, wo ich auch viele meiner Stoffe für Herrenanzüge beziehe.

Feinmass gilt als die Königsdisziplin der Schneiderkunst, bei der jeder Arbeitsschritt in Handarbeit erfolgt. Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?
Es hatte in unserem Haus immer viele interessante Stoffe und ich habe schon als Kind begonnen, mir selbst Kleider zu nähen. Ich habe Damenschneiderin gelernt und noch eine Ausbildung als Herrenschneiderin drangehängt. Anschliessend habe ich die Berufsprüfung absolviert. Da ich sehr viel Wert auf Qualität und Details lege, wollte ich von Beginn an nur mit hochwertigen Materialien arbeiten und war fasziniert davon, gemeinsam mit meinen Kunden den Entstehungsprozess für ein Kleidungsstück zu durchlaufen. Dadurch und durch meine Vorliebe für den klassischen Stil bin ich wohl beim Feinmass gelandet.

Wie gehen Sie genau  vor, wenn jemand z.B. einen Feinmassanzug bestellen möchte?
Das ist sehr individuell. Die Kunden kommen mit ungefähren oder auch ganz konkreten Vorstellungen zu mir. Ich gebe dann eine Stilberatung, nehme die Masse und erstelle daraus ein spezifisches Schnittmuster. Und natürlich suchen wir die passenden Materialien und Accessoires aus: Stoff, Futterstoff, Knöpfe usw. Alles muss perfekt zusammenpassen und wird von mir genauestens auf die Körperform des künftigen Trägers abgestimmt. Dafür arbeite ich mit extrem wertvollen Materialien und „dressiere“ den Stoff, indem ich ihn in sehr nassem Zustand mit einem sechs Kilogramm schweren Bügeleisen bearbeite. So passt sich der Stoff dem Körper des Kunden wie eine zweite Haut an. Das sieht man und merkt es beim mehrmaligem Tragen.

Das alles braucht seine Zeit.
Natürlich, mit dem üblichen schnellen Einkaufen hat das wenig zu tun. Meine Kunden erhalten eine ausführliche Beratung, werden ausgemessen und zwischendurch gibt es drei bis vier Anproben. Ein Anzug benötigt zwischen 60 und 80 Nähstunden, ohne Schnitt und Anprobe, je nachdem, welcher Stoff verwendet wird: Karo, Nadelstreifen oder Uni-Stoffe.
Der Kunde wächst so buchstäblich in sein neues Kleidungsstück hinein. Es ist ein gemeinsamer Prozess, etwas sehr persönliches. Auch das macht den Job für mich zum Traumberuf!

Wie haben Sie ihre ersten Kunden akquiriert?
Das lief viel über Mundpropaganda. Vor sechs Jahren habe ich im Zürcher Enge-Quartier mein erstes Schneideratelier eröffnet. Es lag versteckt in einem Hinterhof, so dass mich dort niemand zufällig finden konnte. Zwischendurch habe ich als Hostess an der Davidoff-Saveurs-Genusswoche in Gstaad gearbeitet und dort zwischendurch ein bisschen Werbung in eigener Sache gemacht.

Sie sind passionierte Zigarrenraucherin.
Ja, mein Opa hat jeden Abend eine Zigarre geraucht und war auch sonst ein Genussmensch. In seinen Tisch hatte er einen Humidor eingebaut, so dass Zigarren für mich von klein auf immer präsent und interessant waren. Ich habe dann auch relativ früh damit angefangen, gute Zigarren zu geniessen.

Und damit Sie nicht aus der Puste kommen, boxen Sie in Ihrer Freizeit.
Richtig, das Boxtraining hatte ich schon als Wahlfachsport am Gymnasium. Heute geniesse ich die Bewegung im Konditionstraining als Ausgleich zum hochkonzentrierten Arbeiten – meist im Sitzen – in meinem Geschäft .

Was sind Ihre nächsten Pläne?
Ich möchte mein Geschäft weiter etablieren. Neben Feinmass bieten wir unseren Kunden auch Masskonfektionskleidung an und sind hierbei in Sachen Bestellungen nicht eingeschränkt. Masskonfektion ist die kostengünstigere Alternative, es wird ebenfalls auf die  Körpermasse gearbeitet, aber bei Scabal in Deutschland produziert. Ab August werde ich wieder einen Lehrling in der Feinmassschneiderei ausbilden. Damit das schöne, alte Handwerk am Ende nicht doch noch ausstirbt…